Tuesday, 18. March 2008 1:53
Der gestrige Beitrag zitierte die Behauptung, dass dem Wissensmanagement griffige Kennzahlen wie der ROI fehlten. Wer diese Aussage nicht unkritisch hinnehmen will, muss sich also fragen, warum denn der ROI nicht zur Beurteilung der Wissensmanagement-Aktivitäten genutzt werden kann? Und vor allem: Gibt es auch Situationen, wo die Kennzahl des ROI eine Berechtigung hat?
Der ROI - Return on Investment - ist die Spitzenkennzahl des Du-Pont-Kennzahlensystems, dessen Ziel in der Steuerung eines divisionalen Konzerns liegt. Die Kennzahl ROI gibt an, wie gut sich ein investierter Euro in einem Geschäftsbereich verzinst. Damit ermöglicht der ROI, die knappe Ressource Kapital in die produktivste Verwendung innerhalb eines Unternehmens zu lenken. Das Kennzahlensystem basiert auf den Größen Umsatz, Umsatzkosten und betrieblicher Vermögenseinsatz. Hier werden schon zwei diskutable Aspekte deutlich:
- Der ROI wurde mit einer komplett anderen Zielsetzung entwickelt. Sein Fokus liegt auf Unternehmen oder Unternehmensteilen, nicht aber auf Einzelaktivitäten wie z. B. der Einführung eines Wissensmanagement-Tools.
- Es können dem internen Supportprozess Wissensmanagement keine Umsätze direkt zugeordnet werden: Welcher Teil des Umsatzes ist dem Wissensmanagement ursächlich zu verdanken? Dies Frage lässt sich nicht beantworten, weshalb eine für die Berechnung wichtige Größe nicht zur Verfügung steht.
Dabei hätte die Verwendung des ROI einen großen Vorteil: Der ROI ist in der Praxis bekannt und geläufig. Er ermöglicht den schnellen Rentabilitätsvergleich verschiedener Alternativen der Kapitalverwendung. Kein Wunder, dass man versucht ist, den ROI wo immer möglich zu nutzen.
Mit einem Kniff – und einem halb zugedrückten Auge - ist dies in manchen Situationen sogar möglich. Durch mathematische Umformung kann man den Umsatz aus der Definition des ROI eliminieren, es bleibt dann der Ausdruck: ROI = Gewinn/eingesetztes Kapital mal 100.
Das eingesetzte Kapital lässt sich ermitteln. Der Gewinn ist definiert als Umsatz minus Kosten. Soll sich hier die Katze in den Schwanz beißen? Nein. Betrachtet man eine durch die zu beurteilende Wissensmanagement-Aktivität insgesamt verursachte Kostenersparnis im Sinne einer Opportunitätsanalyse als Umsatz und zieht die Summe der verursachten Kosten ab, erhält man den „Gewinn“ der Wissensmanagement-Aktivität.
Dies gilt natürlich nur für den engen Anwendungsbereich, wo eine vorher/nachher Kostensituation ursächlich mit dem Wissensmanagement in Verbindung gebracht und über den Gesamtzeitraum der Aktivität ermittelt werden kann. Wo dies zutrifft, kann man nun den ROI berechnen.
Trotzdem ist der ROI im Wissensmanagement nur mit Vorsicht zu genießen: Die Wissensdividende wird in der Zukunft geerntet, der ROI misst die Vergangenheit.